von Marc Rickenbach und Jen Wallace

Am 25. Mai nahmen wir teil am Le Pavé d’Orsay, einen kleinen Platz versteckt im Pariser 7. Bezirk, am Cocktail- und Presseempfang zur Feier der Rückkehr des „The Living Theatre“ („Das Lebende Theater), das der Stadt zuvor zwanzig Jahre ferngeblieben war. Am darauffolgenden Wochenende hielt das Living Theatre in Zusammenarbeit mit dem „Bilingual Acting Workshop“ („Zweisprachiger Schauspielworkshop“) und unter der Leitung Judith Malinas einen Kurs und zwei Vorstellungen mit dem Namen „Einen Tag im Leben von Paris“ im Studio International des Arts de la Scène ab.

Das Living Theatre, 1947 von Judith Malina (die heute fast 85 Jahre alt ist) und ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Julian Beck gegründet, ist mit beinahe hundert Produktionen aufgeführt in acht Sprachen auf fünf Kontinenten in 28 Ländern das älteste noch tätige Theaterensemble aus den Vereinigten Staaten. Zu dessen Ehemaligen und Fans gehören solche Legenden wie Al Pacino, Robert DeNiro, Martin Sheen und zahllose andere, von denen viele immer noch aktiv im Theater involviert sind. Für ihre Arbeit mit dem Living Theatre hat Malina acht Obie Awards als Regisseurin und Produzentin gewonnen und wurde 2003 in die Hall of Fame des Amerikanischen Theaters aufgenommen.

Aber was besonders heraussticht und Respekt einflößt, ist ihre langjährige Hingabe an ihr Fach und ihre von Brecht inspirierte Dramaturgie, die sie und ihr Team nicht nur vorgeben, sondern selbst immer wieder beweisen. Die Diskussion zwischen Malina, dem Stellvertretenden Künstlerischen Leiter Brad Burgess und Living Theatre-Veteran Tom Walker wurde vor allem geprägt durch die Nähe des Theaters zu politischem und sozialem Engagement. Es war oft die Rede von gewaltfreier anarchistischer Revolution, vor allem seitens Walkers, der von utopischen Idealen sprach und davon, gesellschaftliche Sitten in Frage zu stellen, egal wie schwierig dies sein mag, um eine Diskussion über das Warum und Warum-Nicht loszutreten. „Wir sind in der Branche Hoffnung tätig, nicht im Depressionsgeschäft“, stellte er an einem Punkt fest. Es scheint das Ziel des Theater zu sein die Schauspieler/-innen und das Publikum sowohl auf als auch neben der Bühne für solche Themen zu sensibilisieren und positiven Wandel anzustoßen.

Es sollte angemerkt werden, dass Malina selbst einen Lebenslauf voll politischem Engagements vorzuweisen hat: Am 13. Mai 1968 gehörte sie zu denen, die die erste Barrikade auf der Rue Gay-Lussac in Paris errichteten und sie wurde, wie Brad Burgess erwähnte, in zwölf verschiedenen Ländern aufgrund ihres politischem Aktivismus verhaftet.

Der Bilingual Acting Workshop, im Jahr 1995 in Paris von Amy Werbe gegründet, betont die Bedeutung einer interkulturellen Ensemblevorstellung und obwohl die Kurse in Englisch gegeben werden, sind deren Teilnehmer/-innen dazu ermutigt, in ihren Muttersprachen schauzuspielen. Basierend auf dem was wir erfahren haben ist es ihnen so möglich, in einen offenen Dialog über unterschiedliche Schauspielmethoden zu treten. Während der Diskussion wurden auch Argumente über die Unterschiede zwischen New Yorker Theatermethoden, wie sie beispielsweise von Lee Strasberg gelehrt werden, und dem stärker textzentrierten französischen Theaterstil ausgetauscht. Durch den Living Theatre Workshop in Paris hätten nun auch französische (oder amerikanische, britische – wie auch alle anderen) Studierende einmal die Möglichkeit diese besondere Facette des New Yorker Theaters auszuprobieren, wie Jeremy Coffman uns erklärte.

„Hier zu sein ist eine Zeit der Inspiration. Einen Workshop mit jungen Leuten durchzuführen ist sehr wichtig. Wir werden von ihnen lernen… was heute passiert, was neu ist. In den Workshops lernen wir genausoviel wie wir lehren“, fasste Malina es zusammen.

An einem der nächsten Tage erscheint auf dem ÉCU-Blog eine Kritik der Abschlussvorstellung.

Für weitere Informationen:
Bilingual Acting Workshop : http://www.bilingualacting.com
Living Theatre Conservatory : http://www.livingtheatreconservatory.org
The Living Theatre : http://www.livingtheatre.org

Dank an:
Serge Ricco, Fotograf
Jeremy Coffman, Stellvertretender Direktor des BAW
Sei Shiomi, Stellvertretender Künstlerischer Leiter des BAW
Elizabeth Wautlet, Praktikantin beim BAW

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